Die Landung der Westalliierten in der Normandie im Juni 1944 läutete das Ende des Zweiten Welt­kriegs in Westeuropa ein. Den deutschen Truppen gelang es in den folgenden Monaten nicht mehr, die vorrückenden Briten, US-Amerikaner, Kanadier und Franzosen ent­scheidend aufzuhalten. Im Sep­tember 1944 überschritten die alliierten Truppen südlich von Aachen erstmals die deutsche Grenze.

Damit begann auch das Kriegsende an Rur, Erft und Rhein. Über Wochen und Monate zogen sich die Kämpfe am Boden und die Bombardierungen aus der Luft. Ortschaft für Ortschaft wurde durch die alliierten Truppen eingenommen. Besonders die Überquerung der Rur brachte für beide Seiten noch einmal große Verluste mit sich. Die beiden an der Rur gelegenen Städte Düren und Jülich wurden durch britische Bomben praktisch völlig zerstört. Am 5. März eroberten die Alliierten Köln, am 8. März Wesseling ; der Zweite Weltkrieg in der Region war zu Ende.

Zurück blieb das bittere Erbe des nationalsozialistischen Kriegswahns: Zerstörte Städte und Dörfer, verwüstete Landschaften, Hunger und Elend. Ganze Landstriche waren entvölkert, die Menschen vor der heranrückenden Kriegsfront geflohen. Manche Orte lagen derart in Trümmern, dass ein Leben hier nicht mehr möglich schien.

Doch die verbliebene Bevölkerung entlang von Rur, Erft und Rhein begab sich schon kurz nach dem Ende der Kampfhandlungen an den Wiederaufbau. Die alliierten Besatzer setzen lokale Verwaltungen ein, welche den Neubeginn vor Ort organisieren sollten. In den Trümmern entstand langsam wieder Leben, auch wenn die Menschen noch lange Zeit unter der schlechten Versorgungslage litten.

Die virtuelle Ausstellung „Krieg und Frieden“ der Archive Rhein-Erft-Rur blickt auf das Geschehen jener Tage zwischen Herbst 1944 und Sommer 1946, als mit der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen eine neue Zeit im Westen Deutschlands anbrach. Dabei fällt der Blick sowohl auf das Kriegsgeschehen und die „große“ Politik, als auch auf die vielen kleinen Geschichten der Menschen vor Ort, die das Kriegsende und den Wiederaufbau hautnah erlebten. Zahlreiche Quellen aus den beteiligten Archiven zeugen von Tod und Elend, erzählen aber auch von der Hoffnung auf einen Neubeginn und eine bessere Zukunft nach den dunklen Schrecken der Nazi-Herrschaft und des Krieges.

Die einzelnen Themenbereiche der Ausstellung:

1

Herbst 1944

Von der Rur an den Rhein:
Der Krieg endet

2

Frühjahr 1945

Alltagsleben zwischen den Trümmern

3

Winter 1945

Politischer und gesell­schaft­licher Neu­beginn

4

Sommer 1946

Beginn des Wiederaufbaus

Alliierte Soldaten bauen eine Pontonbrücke über die Rur mit einem Fahrzeug, im Hintergrund zerstörte Häuser.

Teil 1 – Herbst 1944

Von der Rur an den Rhein:
Der Krieg endet

1944

1944

Ab Herbst 1944 rückten die Truppen der Westalliierten auf deutschem Boden in Richtung Rhein vor, begleitet durch schwere Bombardements aus der Luft, um den erbitterten Widerstand der deutschen Wehrmacht zu brechen. Insbesondere Düren und Jülich wurden dabei nahezu völlig zerstört, aber auch zahlreiche weitere Ortschaften litten unter den schweren Kampfhandlungen. Nachdem den Alliierten im Februar 1945 schließlich der Rurübergang gelang, war der größte deutsche Widerstand gebrochen. Anfang März standen amerikanische Soldaten am Rhein.

Zwischen September 1944 und März 1945 war die Region zwischen Rhein-Erft und Rur Schauplatz intensiver militärischer Auseinandersetzungen zwischen den alliierten Truppen und der deutschen Wehrmacht. Der Vormarsch der Westalliierten und der Rückzug der deutschen Truppen hinterließen eine tief zerstörte Landschaft und eine schwer getroffene Zivilbevölkerung.

Am 16. November 1944 begann mit der „Operation Queen“ eine massive alliierte Offensive. Über 1.200 britische Bomber griffen die Städte Düren, Jülich und Heinsberg an – die Städte Düren und Jülich galten danach als die am stärksten zerstörten Städte in Europa. Parallel dazu rückten amerikanische Panzerverbände vor. Im Hürtgenwald, südlich von Düren, kam es ab November zu schweren Kämpfen mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Die deutsche Niederlage in der Ardennenoffensive (Dezember 1944–Januar 1945) markierte schließlich das Ende größerer deutscher Gegenoffensiven westlich des Rheins und ebnete den Weg für den weiteren Vormarsch der Alliierten. Sie forderten die deutsche Zivilbevölkerung und die Bürgermeister zur Kooperation auf.

Flugblatt „An den Bürgermeister“
(Sammlung Hansi Techel)

Flugblatt „An den Bürgermeister“
(Sammlung Hansi Techel)

Flugblatt „An den Bürgermeister“, Wahlstellung zwischen Übergabe oder Wiederstand.
Flugblatt, Aufforderung zum freiwilligen übergeben in die Kriegsgefangenschaft.

Ein zentrales strategisches Ziel der Alliierten war die Sicherung der Rurtalsperre. Deutsche Truppen beschädigten beim Rückzug gezielt die Rohre der Staumauer, was zu einer kontrollierten Flutung der Rur führte. Der Fluss wurde zeitweise bis zu 300 Meter breit und unpassierbar – ein kurzfristiger Zeitgewinn für die deutsche Verteidigung. Wäre die Staumauer hingegen durch die deutsche Wehrmacht vollständig gesprengt worden, hätte dies das Vorrücken der Truppen erheblich verzögert.

Flugblatt „Schussfeld freimachen!“
(Sammlung Hansi Techel)

Flugblatt „Schussfeld freimachen!
(Sammlung Hansi Techel)

Am 23. Februar 1945 überschritten amerikanische Ein­heiten im Rahmen der „Operation Grenade“ trotz anhaltender Über­schwemmung an zehn Stellen zwischen Linnich und Düren die Rur. In den folgenden Tagen kam es zu einem schnellen Vorstoß Richtung Erft. Der Vormarsch verlief in Etappen und war begleitet von erbitterten Gefechten, insbesondere in den Braun­kohle­tagebauen. Am 23. Februar wurden erste Orte wie Niederzier und Teile von Jülich und Düren erreicht. Die Zitadelle Jülich konnte erst am 24. Februar eingenommen werden. Den alliierten Truppen ge­langen immer schnellere Gelände­gewinne, auch weil der deutsche Widerstand stetig nachließ. Der Übergang über die Erft erfolgte deutlich einfacher.

Amerikanische Pontonbrücke am Rurübergang an der Dr.-Overhues-Allee in Düren am 26. Februar 1945 (Stadt- und Kreisarchiv Düren)

Alliierte Soldaten bauen eine Pontonbrücke über die Rur mit einem Fahrzeug, im Hintergrund zerstörte Häuser.

Amerikanische Pontonbrücke am Rurübergang an der Dr.-Overhues-Allee in Düren am 26. Februar 1945 (Stadt- und Kreisarchiv Düren)

Luftbild eines Zerstörten Jülichs, nur noch Ruinen sind zu erkennen.

Unter der Überschrift „Small town“ beschreibt dieser Artikel von Margaret Bourke-White im LIFE-Magazin die Zerstörung von Jülich nach der Bombardierung vom 16. November 1944 (Margaret Bourke-White, „The battered face of Germany“, LIFE-Magazin, 4. Juni 1945, auf S. 24f., Stadtarchiv Jülich)

Am 8. März erreichten amerikanische Truppen Wesseling – die Vorbereitungen für den Rheinübergang und den Angriff auf Köln waren abgeschlossen. Frechen diente dabei als Nachschubzentrum für die US-Armee. Der Vorstoß war begleitet von erbitterten Gefechten, insbesondere in den Braunkohletagebauen.

Waffenfund im Bethlehemer Wald in Bergheim (Stadtarchiv Bergheim)

Waffenfund im Bethlehemer Wald in Bergheim (Stadtarchiv Bergheim)

Waffen, Munition und ein Militärhelm liegen auf dem Waldboden

Archivmaterial zum Thema „Operation Grenade”

Lokalbezüge: Brühl

Am „Tag der unschuldigen Kinder“ – schwerer Bomben­angriff auf Brühl am 28. Dezember 1944

Kreuzung, Gebäude drumherum teilst oder vollkommen zerstört. Einzelner Radfahrer auf der Kreuzung.
Zerstörung nach dem Bomben­angriff am 28. Dezember an der Ecke Uhlstraße / Bonnstraße (Stadtarchiv Brühl)
Am 28. Dezember 1944 erlebte Brühl einen massiven Bomben­angriff, der als „Tag der unschul­digen Kinder“ in die Stadt­geschichte einging. Der Angriff um 13.30 Uhr traf die Brühler­innen und Brühler unerwartet und löste große Panik aus. Die Menschen flüchteten schnellst­möglich in die privaten und öffentlichen Luft­schutz­keller, während rings­herum Bomben fielen. Der Angriff, der nur etwa acht bis zehn Minuten dauerte, forderte über 180 Tote und viele Verletzte. Besonders betroffen war die Innen­stadt: Marien­hospital, Schloss­kirche, Giesler-Brauerei und die Städtische Berufs­schule wurden bei dem An­griff zerstört oder schwer beschädigt. Die Ver­wundeten im Marien­hospital mussten noch in der­selben Nacht in den bomben­sicheren Schloss­keller evakuiert werden. Die Ver­sorgung gestaltete sich jedoch schwierig, da Licht, Wasser und wichtige Hilfs­mittel fehlten – viele erlagen des­halb später im pro­visorischen Not­lazarett ihren schweren Ver­letzungen.

Lokalbezüge: Jülich

Die Überquerung der Rur: Beginn der „Operation Grenade“ am 23. Februar 1945

Zwei Alliierte Soldaten überqueren die reißende Rur über eine temporäre Brücke.
Reportage im LIFE Magazin vom 12. März 1945 über den Rur-Übergang (Stadtarchiv Jülich)
Unter großer Aufmerk­samkeit der ameri­kanischen und britischen Medien begann am 23. Februar 1945 die sogenannte „Operation Grenade“, mit der die Rur über­quert und bis zum Rhein vor­gestoßen werden sollte. Die Rur war zu diesem Zeitpunkt ein reißender Fluss: Die deutsche Wehr­macht hatte am 8. Februar die Grund­ablassrohre der Rurtal­sperre gesprengt. Die gesamte Rur­aue wurde über­schwemmt und die Rur führte eine starke Strömung. Selbst die Errichtung kleinerer Stege war eine Heraus­forderung. Aber auch deutsches Artiller­iefeuer zerstörte erste Stege und nahm die amerikanischen Soldaten unter Beschuss. Um drei Uhr morgens setzten die ersten drei Sturm­boote über. Sie spannten einen Draht über die Rur an dem sich die folgenden Boote entlang­hangeln konnten. Am frühen Morgen über­queren die ersten Bataillone den Fluss. Bis zum Abend hatten die amerikanischen Truppen die Stadt teilweise einge­nommen. Am Nach­mittag des 24. Februars wurde die Zitadelle ein­genommen: Jülich war voll­ständig in der Hand ameri­kanischer Truppen.

Lokalbezüge: Elsdorf-Oberembt

„The Monster“ – Das Ende eines Tigerpanzers in Oberembt

Ein "Sturmtiger", ein Panzer gestrandet am Straßenrand.
Der in Oberembt gestrandete „Sturmtiger“, umringt und bewacht von US-Soldaten (Stadtarchiv Elsdorf).
Eine der von den ameri­kanischen Truppen am meisten gefürchtete Waffe war der „Sturm­tiger“, ein deutscher Panzer mit gewaltiger Feuer­kraft, der kurz vor Ende des Zweiten Welt­kriegs zum Ein­satz kam. Im Februar 1945 fuhr sich eines von sieben an der West­front einge­setzten Exemplaren in Oberembt fest. Alle Versuche den Panzer freizu­bekommen scheiterten, bis die ameri­kanischen Truppen den Ort einnahmen. Oberembter Zeit­zeugen erinnerten sich später daran, dass die Amerikaner wegen des „Sturm­tigers“ in heller Aufregung waren. Dies war höchst­wahr­scheinlich der erste Panzer seiner Art, der ihnen in die Hände fiel. Ein US-Kriegs­bericht­erstatter nahm den Sturm­tiger ebenfalls in Augen­schein und berichtete später in einem US-Magazin über the monster. Der „Sturm­tiger von Oberembt“ ist heute in einem Museum in den USA zu besichtigen.

Lokalbezüge: Brühl

März 1945 – der letzte Bombenangriff und das Ende der NS- Schreckensherrschaft in Brühl

Männer stehen zwischen den Trümmern und Räumen diese weg mit Schaufeln.
Aufräumarbeiten im Bereich der evangelischen Christuskirche, die während des Bombenangriffs am 4. März fast vollständig zerstört wurde (Stadtarchiv Brühl)
Im März 1945 erlebte die Stadt einen Monat, in dem Leid und Hoff­nung dicht beieinander­lagen. Am 3. März erließ der NS-Bürger­meister Pick einen Evakuierungs­befehl für Alte, Kinder und Frauen. Sie flohen nach Wesseling, um sich von dort per Fähre über den Rhein in Sicher­heit zu bringen. Auch der Bürger­meister selbst, NS-Funktionäre und die Feuer­wehr verließen die Stadt. Die chaotische Evakuierung führte jedoch dazu, dass viele nach stunden­langem Warten wieder zurück­kehren mussten. Einen Tag später traf ein Bomben­angriff Brühl, bei dem über 50 Men-schen getötet und zahlreiche Gebäude zerstört wurden. Gleich­zeitig rückten die ameri­kanischen Soldaten weiter vor und nahmen Brühl schließlich am 7. März ein. Pick wurde als Bürger­meister abgesetzt und an seiner Stelle Kaplan Bodden kommissarisch ernannt. Für die Menschen in Brühl war der Zweite Welt­krieg damit endlich vorbei, auch wenn der Alltag schwer belastet blieb und die Kriegs­aus­wirkungen noch lange spürbar waren.

Lokalbezüge: Erftstadt

Das Jahr 1945 in Erftstadt

Militärfahrzeug an Kreuzung, dahinter komplett zerstörte Häuser.
Erp nach der Einnahme durch die US-Amerikanische Armee am 3. März 1945 („Wreckage caused by Allied air bombardement in town of Erp“), Luxemburger Str. / Ecke Rathausstr. (Slg. Dr. Frank Bartsch)
Für die Bevölkerung in Stadt Erft­stadt war es nach Kriegs­ende zunächst wichtig, sich um die Fol-gen der materiellen Schäden zu kümmern. In allen Orten fanden Auf­räum­arbeiten statt, Schäden an Häusern, die oft noch in den letzten Kriegs­tagen durch Artillerie­beschuss der abrückenden deutschen Soldaten ent­standen waren, mussten trotz Mangel an geeignetem Material zumindest pro­visorisch beseitigt werden. Dieser Artillerie­beschuss hatte auch zu erheblichen Zer­störungen der Pfarr­kirchen u.a. in Liblar, Frauen­thal und Dirmerz­heim geführt. Man bemühte sich in allen Orten um die rasche Inbetrieb­setzung der beim Heran­nahen der Front oftmals unter­brochenen Strom- und Wasser­versorgung. In Lechenich war z.B. die Wasser­leitung am Bonner Tor gesprengt worden, und es mussten die Brunnen in der Brauerei Ganser (Bonner Str. 11) und in der Molkerei (Herriger Str. 40) wieder in Tätig­keit gebracht werden. Massive Kriegs­zerstörungen waren partiell in Erp, Gymnich, Herrig und Oberliblar zu verzeichnen.
Zwei Frauen im Gespräch vor Laden, im Hintergrund zerstörte Propsteikirche.

Teil 2 – Herbst 1944

Alltagsleben zwischen den Trümmern

1944

1944

Zerstörte Häuser, fehlende Versorgung, Lebensmittelmangel: Das Leben der Zivilbevölkerung war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hart und extrem entbehrungsreich. Britische Militärregierung und lokale Behörden versuchten die Lage zu verbessern, doch die Bevölkerung wusste sich auch selbst zu helfen.

Zwei Frauen im Gespräch vor Laden, im Hintergrund zerstörte Propsteikirche.

Bäcker- und Metzgerladen auf dem Kirchplatz vor der zerstörten Propsteikirche in Jülich, 1948 (Stadtarchiv Jülich, Foto: Kurt Hoppe)

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das tägliche Leben der Menschen geprägt von Versorgungsengpässen und Mangel. Grundlegende Güter wie Lebensmittel, Kleidung, Brennstoffe und auch Baumaterial für den Wiederaufbau waren knapp und wurden – wie schon zu Zeiten des Krieges – rationiert. Das bedeutete, dass bestimmte Waren nur gegen entsprechende Bezugsscheine ausgegeben wurden. Die britische Militärregierung, die nach offiziellem Kriegsende die Regierungsgewalt im nördlichen Rheinland übernahm, versuchte beispielsweise, mit der im April 1946 in Kraft getretenen Bekanntmachung „Kontrolle und Verteilung von Verbrauchs­gütern“ eine „gerechte Verteilung von Verbrauchsgütern zu gewährleisten“.

Bäcker- und Metzgerladen auf dem Kirchplatz vor der zerstörten Propsteikirche in Jülich, 1948 (Stadtarchiv Jülich, Foto: Kurt Hoppe)

Darin aufgeführt waren stark nach­gefragte Waren wie Kleidungs­stücke, Möbel oder Fahrräder, an denen es überall mangelte. Fabriken und Händler mussten vor­handene Waren­bestände melden, Wirtschafts­ämter gaben anschließend Bezugs­marken an die Gemeinden aus. Wer falsche Bestands­meldungen machte, musste mit der Anordnung von Straf­zahlungen rechnen.

Bezugsscheine für Haushaltsgegenstände
(Stadtarchiv Jülich)

Bezugsscheine für Wasserkessel, Haushaltswanne und Haushaltseimer.

Bezugsscheine für Haushalts­gegenstände (Stadtarchiv Jülich)

Bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie politisch oder religiös Verfolgte, wurden bei der Bezugsmarkenzuteilung der Militärregierung bevorzugt behandelt. Auch wer nachweisen konnte besonders bedürftig zu sein, erhielt unter Umständen weitere Bezugsmarken. Es gab jedoch nicht genügend Waren für alle und so nahmen auch Tauschgeschäfte und das Handeln von Waren auf dem Schwarzmarkt („schieben“) – obwohl strengstens verboten – zu. Viele Menschen unternahmen so genannte „Hamsterfahrten“: Sie fuhren aufs Land und hofften, bei Landwirten Lebensmittel erwerben oder gegen Wertgegenstände tauschen zu können. Vielfach blieb den Menschen nicht anderes übrig, denn zunächst galt es, das eigene Überleben zu sichern. Mit ungleich verteilten Versorgungsgütern rückten Solidarität und Hilfsbereitschaft oft in den Hintergrund, Neid und Missgunst kamen auf.

»1 Zentner [Briketts] ist schon für eine Woche arg wenig, wie erst für 7 Wochen. Ich fürchte H. G[…] schiebt zu sehr mit genannter Ware gegen Baumaterial. […] Was soll das für den Winter werden. Wir können uns kein Holz mehr holen vom Walde, das halten unsere Schuhe nicht aus.«

Schreiben einer Frau aus Kerpen-Blatzheim im August 1946 an das Amt Kerpen (Stadtarchiv Kerpen, Amt Kerpen 4787 025a)

Schwierige Ernährungslage

Mithilfe von Suppen- und Volksküchen versuchten die Gemeinden, den Hunger der Bevölkerung zu stillen – mit allem, was zur Verfügung stand und sich zu einer Mahl­zeit verarbeiten ließ. Für Schul­kinder führte die britische Militär­regierung eine Schul­speisung ein: Sie erhielten beispielsweise nahrhafte Suppen und manch­mal sogar eine Tafel Schoko­lade wöchentlich. Die Lehr­kräfte wurden dazu angehalten, darauf zu achten, dass die Kinder die Schul­speisung auch tatsächlich zu sich nahmen, denn viele waren aufgrund der entbehrungs­reichen Jahre nicht aus­reichend ernährt worden. Im Kreis Jülich waren im Jahr 1946 knapp 42% der untersuchten Schul­kinder unterernährt.

Für viele Kinder war die Schulspeisung die einzige warme Mahlzeit des Tages. In Jülich mangelte es im Februar 1946 an Kesseln zur Herstellung der „Kinderspeisung“ (Stadtarchiv Jülich IV 137)

Für viele Kinder war die Schulspeisung die einzige warme Mahlzeit des Tages. In Jülich mangelte es im Februar 1946 an Kesseln zur Herstellung der „Kinderspeisung“ (Stadtarchiv Jülich IV 137)

Korrespondenz des Bürgermeisters an Kommandanten
Artikel im Jülicher Kreisanzeiger

Im Jülicher Kreisanzeiger wird am 20. März 1946 bekanntgegeben, wie viel Wohnraum pro Person zulässig ist. „Unterbelegter“ Wohnraum musste gemeldet werden (Stadtarchiv Jülich)

Überall fehlte es nicht nur an Lebens­mitteln und Kleidung, auch Wohn­raum war knapp. Einige Städte, darunter beispiels­weise Jülich, waren völlig zerstört. Verfüg­barer Wohn­raum wurde möglichst von mehreren Familien genutzt. So bestimmte eine im August 1945 durch die Militär­regierung erlassene „Polizei­verordnung zur Erfassung von unter­belegten Wohnungen und zur Neu­ordnung der Wohn­raum­verhältnisse“, wann eine Wohnung als „unter­belegt“ galt. Inhaber dieser Wohnungen mussten diese an weitere Wohnungs­suchende vermieten. Taten sie es nicht, durften Wohnungs­suchende durch die Gemeinde­verwaltungen dort ein­gewiesen werden.

Im Jülicher Kreisanzeiger wird am 20. März 1946 bekanntgegeben, wie viel Wohnraum pro Person zulässig ist. „Unterbelegter“ Wohnraum musste gemeldet werden (Stadtarchiv Jülich)

Wohlfahrtsverbände und -gesellschaften versuchten ebenfalls, der Wohnungsnot Herr zu werden. Um Flüchtlinge und Ausgebombte zu unterstützen, setzte sich zum Beispiel im Landkreis Köln eine gemeinnützige Wohnungsgesellschaft für ein Wohnungsbauprogramm ein und rief zu Spenden auf. Rationiertes Baumaterial, das oft auch aus abgebrochenen Gebäuden gewonnen wurde, wurde bevorzugt für den Wiederauf- und Wohnungsbau eingesetzt. Die beiden folgenden Zitate zeigen, dass dabei von den Verwaltungen oft abgewogen werden musste, wo Material nun dringender gebraucht wurde:

»Es geht auf keinen Fall, dass Kirchen repariert werden, bevor nicht für die not­dürftigste Unter­kunft der Bevölkerung, besonders im West­gebiet des Kreises, gesorgt ist.«

Niederschrift der Kreisbauaus­schuss­sitzung vom 14. Juli 1947 (Stadt- und Kreisarchiv Düren)

»Ob für die Neu­einrichtung eines Gymnasiums überhaupt ein Be­dürfnis vorliegt, ist uns unbekannt. Bekannt ist uns aber, daß die er­forderlichen Bau­materialien und Geldmittel weit dringender für die Errichtung von Wohn­stätten in Brau­weiler benötigt würden.«

Niederschrift zur Kreistagssitzung vom 18. Juli 1946 in Frechen (Archiv des Landschaftsverbands Rheinland)[SR4]

Links: Zwei Arbeiter vor einer Notwohnung, 1948 (Stadtarchiv Jülich, Foto: Kurt Hoppe)

Rechts: Notunterkunft in einer Nissenhütte (Foto: Hermann Claasen, aus: Verbrannte Erde, Köln 1949, o.S.)

So genannte „Nissenhütten“ prägten für einige Zeit das Ortsbild vieler Städte. Dabei handelte es sich um primitiv eingerichtete Wellblechbaracken, die als provisorische Unterkünfte dienten. Beengt lebten hier viele Menschen auf kleinem Raum.

Links: Zwei Arbeiter vor einer Notwohnung, 1948 (Stadtarchiv Jülich, Foto: Kurt Hoppe)

Rechts: Notunterkunft in einer Nissenhütte
(Foto: Hermann Claasen, aus: Verbrannte Erde, Köln 1949, o.S.)

Das Holz aus den nahegelegenen Wäldern wurde nicht nur als Baumaterial benötigt, sondern auch zum Heizen verwendet. Schulkinder wurden zum Holzsammeln eingeteilt, damit die Schulräume beheizt und ein Unterricht in den Schulen möglich gemacht werden konnte. Teilweise musste der Unterricht ausfallen, weil das Heizmaterial ausgegangen war. Sogar noch 1951 hieß es im Amtsblatt für den Regierungsbezirk Köln vom 16. April:

»Bei dieser Sachlage ist es bedauerlich, daß [!] zwar die Schulen nicht ausreichend mit Brennstoffen versorgt werden können, die Kinos und sonstigen Vergnügungsstätten aber weiter in Betrieb sind.«

Amtsblatt für den Regierungsbezirk Köln vom 16. April 1951

Bei allen Entbehrungen gab es überall auch Zeichen des Zusammenhalts. So sorgte in Sinnersdorf eine Lehrerin am Nikolaustag 1945 dafür, dass die Schulkinder einen Weckmann sowie jeweils einen bunten Federhalter mit Feder und einen Brief vom Nikolaus erhalten konnten.

Chronik der katholischen Volksschule in Sinnersdorf für das Schuljahr 1945/46 (Stadtarchiv Pulheim)

Der Nikolaustag 1945 brachte für das 1. u[nd] 2. Schuljahr eine Überraschung. Durch Sammeln bei den Landwirten hatte die Lehrerin es ermöglichen können, für jedes Kind einen Weckmann backen zu lassen. Dazu erhielt jedes Kind einen bunten Federhalter mit Feder. Am Vorabend des Nikolaustages, – während die Kinder beim Nachmittagsunterricht ihre Liedchen mit heller Begeisterung und in froher Erwartung sangen, klingelte es mehrmals im Schulflur. Die Lehrerin öffnete vorsichtig die Tür, die Kinder saßen mäuschenstill auf ihren Plätzen und konnten es kaum erwarten, was es draußen gäbe. Wie groß war ihre Freude als sie den großen Korb mit den Gaben sahen, der schier unergründlich war. Man kann es nicht sagen, was am meisten Eindruck gemacht hat auf die Kinder, der Weckmann, der Federhalter oder der auf ‚Himmelspapier‘ geschriebene Brief vom Nikolaus. Glückstrahlend wie die Kinder waren auch die Mütter, die die Freude der Kinder mitangesehen hatten. Mit selten frohem Sinn gingen die Kinder an diesem Nachmittag nach Hause.

In Kerpen bat der St.-Elisabethen-Verein das Kreis-Wirtschafts­amt in Bergheim im November 1946 um Bezugsscheine für Nähgarn und Stoff – genäht werden sollten daraus Weihnachts­geschenke für Kinder von Gefallenen und die in der Gemeinde wohnenden Flüchtlinge.

Schreiben des St.-Elisabethen-Vereins (Stadtarchiv Kerpen, Signatur: Amt Kerpen 6380_007)

Kerpen, den 15. Nov.[ember] 1946

An das
Kreis-Wirtschaftsamt in Bergheim

Der hiesige St. Elisabethen Verein beabsichtigt, zu Weihnachten die Kinder der Gefallenen und der in hiesiger Gemeinde untergebrachten Flüchtlinge zu beschenken. In Frage kommen Wäsche- und Kleidungsstücke, sowie Spielsachen. Da es an dem nötigen Nähgarn fehlt, bitte ich um einen Bezugschein für einige Rollen Näh- und Maschinengarn, sowie um etwas Stopfgarn. Könnte ich einen Bezugschein erhalten, für etwas Stoff für Kindersachen, so würde ich das sehr begrüßen. Im Voraus recht vielen Dank!

Frau Emilie Kallrath
Vorsitzende
Kerpen

Teil 3 – Winter 1945

Politischer und gesellschaftlicher Neubeginn an Rhein, Erft und Rur

1945

1944

Nach dem Einmarsch der Alliierten im Jahr 1945 setzten die Besatzungsmächte sofort neue Bürgermeister ein. Damit sollte der völlige Zusammenbruch der Verwaltung verhindert werden. Die britische Besatzung förderte eine schrittweise Demokratisierung „von unten nach oben“. Dabei sollten demokratische Strukturen organisch wachsen. Parallel dazu erholte sich das gesellschaftliche und kulturelle Leben schnell, was zur gesellschaftlichen Stabilisierung beitrug.

»Es liegt uns jetzt daran, […] einen neuen Begriff von Demokratie zu bilden […], [der] den Forderungen irgend eines authoritären Regimes widersteht, falls ein solches in der Zukunft noch einmal erscheinen will.«

Aus der Ansprache des britischen Oberst Richardson anlässlich der ersten Sitzung des Stadtrates von Jülich, 14. März 1946 (StA Jülich, Bestand 12-1, Nr. 6, S. 455)

Nach der Eroberung der Region durch amerikanische Truppen zwischen dem 23. Februar und dem 8. März 1945 wurden in den Landkreisen Bergheim und Köln von der amerikanischen Militärbehörde Ortsbürgermeister ernannt – oft nur wenige Stunden nach dem Einmarsch der alliierten Truppen. Vorwiegend wurden Verwaltungsfachleute ausgewählt – möglichst ehemalige Bürgermeister oder Beamte der Weimarer Republik –, sofern sie als politisch integer galten. Angesichts der Vielzahl anstehender Probleme wurde dabei sehr pragmatisch vorgegangen und politische Präferenzen traten weitgehend in den Hintergrund. Häufig wurden auch katholische Geistliche zum Bürgermeister ernannt, da sie als unbelastet und in der Bevölkerung angesehen galten.

Erstkommunion in der kriegszerstörten Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt, ca. 1946 (Stadtarchiv Jülich, Nachlass Heinz Breuer)

Erstkommunion in der kriegszerstörten Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt, ca. 1946 (Stadtarchiv Jülich, Nachlass Heinz Breuer)

Große Menschenmenge vor Pfarrkirche, Gerüste zwischen ihnen.
Untere Fassade des alten Rathauses, der Rest liegt in Trümmern.

Das kriegszerstörte Rathaus in Jülich im Winter 1945/1946 (Foto: Peter Kreutz, StA Jülich, 016, Nr. 175)

In den Landkreisen Düren und Jülich verlief die Entwicklung etwas verzögert. Infolge der massiven Bombardierung am 16. November 1944 waren Düren, Jülich und auch Linnich zu großen Teilen zerstört. Bis zum Übergang der Alliierten über die Rur waren die Städte demnach als Frontgebiet evakuiert. Die Verwaltungen wurden in Gebiete östlich des Rheins verlegt. Viele dieser Städte waren bei der Eroberung durch die Alliierten menschenleer. Die öffentlichen Strukturen waren völlig zusammengebrochen. Die neu ernannten Bürgermeister hatten keinerlei Verwaltungserfahrung, es fehlte ihnen an Verwaltungspersonal und jeglicher Form von Infrastruktur.

Das kriegszerstörte Rathaus in Jülich im Winter 1945/1946 (Foto: Peter Kreutz, StA Jülich, 016, Nr. 175)

In vielen Orten waren die Rathäuser zerstört, in den Gebieten westlich der Rur mangelte es auch an allem anderen: Tische, Stühle, Papier, Schreibmaschinen. Doch die Bevölkerungszahlen stiegen wieder rasant an: in Jülich von null Personen am 1. Januar 1945 auf 100 am 30. April 1945 und 842 am 31. Mai 1945. In Düren stiegen die Zahlen noch schneller: von fünf Personen am 1. März 1945 auf 300 am 20. April 1945 und 5.500 am 1. Juni 1945. Vordringlichste Aufgabe aller Verwaltungen war die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Wohnraum sowie die Prävention von Epidemien.

Schriftstück, "Persönliche Botschaft des britischen Oberbefehlshabers".

Botschaft des Oberbefehlshabers, B. L. Montgomery, an die Bevölkerung des britischen Besatzungsgebietes, 30. Mai 1945 (Sammlung Hansi Techel)

Schriftstück, "Einheitspersonalausweis".

Einheitspersonalausweis der Britischen Besatzungszone
(StA Jülich, 2019-0048)

Die britische Besatzung praktizierte in dieser Zeit das Prinzip der „indirect rule“, d.h. die örtliche Verwaltung wurde soweit wie möglich in ihren Strukturen unverändert gelassen, aber der Befehlsgewalt des örtlichen Militärkommandos unterstellt. Die demokratischen Prozesse sollten in drei Phasen ablaufen, an deren Ende gewählte Gremien standen.

Schreiben der Militärregierung an den Landrat Landkreis Köln und alle Bürgermeister zur Bildung einer Demokratischen Regierung im Landkreis Köln vom 18. Oktober 1945 (Kreisarchiv Rhein-Erftkreis, Akte 102-1543, Bl. 14f. 2 Seiten)

Als Vorbild für die Demokratisierung der Gesellschaft diente die britische Demokratie, die Entwicklung wurde dabei schrittweise von unten nach oben vorgenommen.

»Das erste ist, bei der untersten Stufe der Bevölkerung anzufangen, – d.h. die Demokratie muss organisch wachsen und die natürliche Entwicklung muss von unten nach oben hinaufwachsen. Und ein zweites Ziel ist, dass die Entwickelung allmählich vor sich gehen muss.«

Aus der Ansprache des britischen Kommandanten von Jülich Oberst Richardson anlässlich der ersten Sitzung des Stadtrates von Jülich, 14. März 1946 (StA Jülich, Bestand 12-1, Nr. 6, S. 456)

Zulassung demokratischer Parteien

Schon im August 1945 wurden im besetzten Deutschland politisch-demokratische Parteien wieder zugelassen. Es gründete sich neben den alten Parteien SPD, KPD und dem Zentrum mit der CDU eine neue überkonfessionelle christliche Partei und der FDP als liberale Partei. Im September 1945 wurden die Vertreter der Parteien aufgefordert, Vorschläge für die Bildung von Ratsausschüssen zu machen. Ausgehend von diesen Listen wurden im Januar 1946 neue Stadträte gebildet. Die erste Kommunalwahl fand am 15. September 1946 statt. Die ersten Schritte in die Demokratie waren damit getan.

Wahlwerbung der CDU, ohne Datierung (um 1950; Stadtarchiv Frechen, Plakatsammlung)

Wahlwerbung der CDU, ohne Datierung (um 1950; Stadtarchiv Frechen, Plakatsammlung)

Handgeschriebenes Plakat mit Werbung für CDU Mitglieder

Bekanntmachung der Militärregierung über die Veröffentlichung der Wählerlisten zu den ersten Wahlen 1946 (Stadtarchiv Wesseling, B 1216)

Schriftstück, "Erster Kammermusik-Abend im Stadthaus in Jülich".

Einen geeigneten Konzertsaal gab es noch nicht. Trotzdem wurde in Jülich in einem improvisierten Raum schon am 28. Dezember 1945 ein erstes Konzert aufgeführt (StA Jülich, IV 149)

Das kulturelle Leben begann vielerorts schon sehr bald nach Kriegsende wieder – die Menschen sehnten sich nach Theater, Musik und Kino. Bei den Angeboten wurde auf altbewährtes aber politisch unbelastetes Repertoire zurückgegriffen. Daneben stillten die Kirchen den Hunger nach Tradition und Zusammengehörigkeitsgefühl. Die ersten Martins- und Fronleichnamsumzüge fanden schon 1945/1946 wieder statt.

Einen geeigneten Konzertsaal gab es noch nicht. Trotzdem wurde in Jülich in einem improvisierten Raum schon am 28. Dezember 1945 ein erstes Konzert aufgeführt (StA Jülich, IV 149)

Lokalbezüge: Pulheim-Brauweiler

Zurück zur „Normalität“ – Die Zukunft der Arbeitsanstalt Brauweiler nach 1945

Blick in den Wirtschaftshof, im Hintergrund die Spitze der Nikolauskirche (undatiert) (ALVR Bild 13 Nr. 155).

Nach dem Einmarsch der Amerikaner am 4. März 1945 wurde die Arbeitsanstalt Brauweiler zum Lager für verschleppte Ausländer (Displaced Persons). Die Belegung war zuvor von rund 900 auf 170 Personen gesunken – bedingt durch die nahenden Kriegshandlungen.
Bereits am 12. Juli 1946 befasste sich der Kreistag in Frechen mit der künftigen Nutzung der „Anstalt“. Vorschläge wie ein Gymnasium oder eine Ausbildungsstätte für Landwirtschaft und Handwerk wurden verworfen. Aufgrund der angespannten Haushaltslage sowie institutionellem Druck galt die Wiederaufnahme des „Anstaltsbetriebs“ als beste Lösung. Dies bedeutete jedoch die Verlegung zahlreicher Flüchtlinge aus den Gebäuden. Die Rückkehr zur institutionellen „Normalität“ wog offenbar schwerer als die Versorgung von Flüchtlingen und Kriegsversehrten.

Lokalbezüge: Jülich

Kultur zwischen Trümmern – Der Beginn des kulturellen Lebens in Jülich

Im „Gloria-Theater“ in Jülich fanden ab 1946 alle kulturellen Veranstaltungen vom Kino bis zum Theater statt (Foto: Kurt Hoppe 1947, StA Jülich Fotosammlung).
In Jülich lebten inmitten der Trümmer im Dezember 1945 schon wieder mehr als 6.000 Menschen. Die meisten von ihnen hausten in Kellern oder notdürftig hergerichteten Räumen ohne fließendes Wasser, Heizung und Strom. Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – des völligen Zusammenbruchs aller Infrastruktur wurde in Jülich schon im Dezember 1945 das erste Konzert aufgeführt.
Die Kultur bot geistige und seelische Orientierung und Ablenkung von einem chaotischen Alltag. Die Menschen sehnten sich nach Theater, Musik und Kino. Bei den Angeboten wurde auf altbewährtes aber politisch unbelastetes Repertoire zurückgegriffen. Vorab mussten die Veranstaltungen durch die Militärregierung genehmigt werden. Die Organisation war kompliziert – die Künstler konnten aufgrund der zerstörten Bahnanbindung nur mit Fahrzeugen anreisen und benötigten Bezugsscheine für Kraftstoff. Einen geeigneten Konzertsaal gab es in Jülich nicht.

Lokalbezüge: Rhein-Erft-Kreis (Frechen/Bergheim)

Schutz der Ernte nach dem Zweiten Weltkrieg

Aufruf des Landrates Johannes Even an die Kreisbevölkerung zur Feldbewachung, um den Felddiebstählen Einhalt zu gebieten, Bergheim, 23. Juni 1947 (Archiv des Rhein Erft-Kreises, Plakatnr. 8)
Das Plakat vom 3. Mai 1946 rief die Bevölkerung im Landkreis Köln zur Sicherung der Ernte auf. Es zeigt den dringenden Versuch der Nachkriegsverwaltungen, durch zivilgesellschaftliches Engagement die Ernährungslage zu stabilisieren. Es wies auf die Bedrohung durch Felddiebstähle und Hamsterwesen hin, die die Versorgung mit Lebensmitteln gefährdeten. 1946 forderte der Landrat Männer zur freiwilligen Teilnahme am Ehrendienst in der Polizei auf, um die Felder zu bewachen. 1947 wurde die gesamte Kreisbevölkerung und insbesondere die Bauern zur Mithilfe beim Schutz der Ernte aufgerufen. Der Appell lautete, sich freiwillig auch für Nachtwachen am Ernteschutz zu beteiligen, ohne dass Zwang nötig sein sollte. Auch ein Jahr später hatte sich die Lage kaum gebessert. Hunger, Diebstahl und Not bestimmten weiterhin den Alltag.

Lokalbezüge: Jülich

Schule in Trümmern – Der Wiederbeginn des Unterrichts im zerstörten Jülich

Grundschüler verlassen das Gebäude der katholischen Volksschule, die Schüler des Gymnasiums warten auf den Einlass, 1948 (Stadtarchiv Jülich, Foto: Kurt Hoppe).

Vor dem Krieg gab es in Jülich fünf Schulen: drei Volksschulen und je ein Gymnasium für Jungen (Staatliches Gymnasium) und Mädchen (St.-Josefs-Schule). Im Zweiten Weltkrieg blieb nur das Gebäude der katholischen Volksschule unzerstört. Es war allerdings nur zur Hälfte nutzbar. Das Schulgebäude wurde notdürftig wiederhergerichtet und diente zunächst allen Schulen der Stadt als Unterrichtsraum.

Am 23. August 1945 begann die katholische Volksschule mit dem Unterricht – konfessionsübergreifend. Es stand nur ein Klassenraum zur Verfügung. Am 16. November 1945 öffneten die beiden Gymnasien. Das Staatliche Gymnasium begann mit 73 Schülern, die St.-Josefs-Schule mit 91 Schülerinnen. Die St.-Josefs-Schule richtete drei Behelfsräume provisorisch als Klassenräume ein. Dort wurden nachmittags auch die Schüler des Staatlichen Gymnasiums unterrichtet. Man half sich gegenseitig, um möglichst schnell wieder Schulbildung anbieten zu können.

Straße vor zerstörtem Hexenturm, links Dampfwalze, vereinzelt Menschen.

Teil 4 – Sommer 1946

Beginn des Wiederaufbaus

1946

1944

Direkt nach dem Krieg begann in den zerstörten Städten entlang von Rhein, Erft und Rur der Wiederaufbau, der für die meisten Städte die Wiederherstellung in ihrer alten Form bedeutete. Die Bereitstellung von Wohnraum, Infrastruktur und Lebensmitteln war eine zentrale Aufgabe, die durch die britische Militärregierung und das neue Wiederaufbauministerium unterstützt wurde. Aufgrund hoher Flüchtlingszahlen und zerstörter Infrastruktur waren die Herausforderungen groß, und Baumaterialien sowie Transportwege fehlten häufig. Der Marshallplan beschleunigte ab 1947 den Wiederaufbau, sodass bis 1950 wichtige Projekte wie die Wiederherstellung von Schulen, Wohnungen und Straßen abgeschlossen werden konnten.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Frühjahr 1945 wird in der Deutschen Geschichte oft als „Stunde Null“ bezeichnet. Sie steht symbolisch für das Ende des Dritten Reichs, aber auch für den Neuanfang in den zerstörten Städten. Hier entstand der Mythos der „Trümmerfrauen“, die den Schutt, den der Krieg hinterlassen hatte, aufräumten.

Entschuttungs- und Aufräumarbeiten in Jülich (Stadtarchiv Jülich)

Mienenwägen gefüllt mit Schutt, auf Gleis neben Häuserruine. Links Menschen die diese Füllen.

Entschuttungs- und Aufräumarbeiten in Jülich (Stadtarchiv Jülich)

Straße vor zerstörtem Hexenturm, links Dampfwalze, vereinzelt Menschen.

Auch an Rhein, Erft und Rur begann der Wiederaufbau schon bald nach dem Ende des Krieges. Dabei trafen durchaus unterschiedliche Vorstellung davon aufeinander, ob die zerstörten Orte in alter Form wiederaufgebaut werden sollten, oder man die Gelegenheit nutzen sollte, den zukünftigen Lebensraum modernen Bedürfnissen anzupassen.

Straßenarbeiten in der Großen Rurstraße vor dem Hexenturm in Jülich, 1945 (Stadtarchiv Jülich, Foto: Eduard Schiffer)

Straßenarbeiten in der Großen Rurstraße vor dem Hexenturm in Jülich, 1945 (Stadtarchiv Jülich, Foto: Eduard Schiffer)

»Über diesen in Angriff genommenen Wiederaufbauplan von Jülich ist allgemein zu sagen, dass man sich – wie es ja auch logisch ist und sich in ähnlichen Formen schon bei den Grundüberlegungen für den Wiederaufbau anderer alter Kulturstädte des Rheinlandes automatisch ergeben hat – auch hier klar darüber wurde und entschliessen musste, Jülich im Grunde genommen in ähnlicher Form an alter Stelle wiedererstehen zu lassen, wie es früher bestanden hat.

Die Überlegung, die angesichts der furchtbaren Zertrümmerung vorübergehend nahe lag, Jülich ganz modern an anderer Stelle neu erstehen zu lassen, um ganz freie Hand für eine moderne Schöpfung zu haben, erscheint schon deswegen für widersinnig …«

(Stadtarchiv Jülich, Bestand IV, Nr. 518)

Die Bereitstellung von Wohnraum war neben der Wiederherstellung elementarer Infrastruktur und der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln eine der wichtigsten Aufgaben der neu eingesetzten Verwaltungen. Zuständig für den Wiederaufbau und die damit verbundene Zuteilung von Rohstoffen waren die Militärregierung und später auch das Wiederaufbauministerium des Landes Nordrhein-Westfalen.

Aufgrund der hohen Zahlen Geflüchteter galt es beim Wohnraum nicht nur den Vorkriegszustand wiederherzustellen, sondern den Baubestand gleichzeitig zu erweitern. Die Bedburger Stadtvertretung protokolliert am 1. Dezember 1950 hierzu folgendes:

»Der nun nach dem Waffenstillstand einsetzende Flüchtlingsstrom brachte die Stadt Bedburg in größte Schwierigkeiten und stellte sie vor besonders schwerwiegende Aufgaben. Mietwohnungen gab es […] kaum, so daß [!] die Flüchtlinge auch hier in Wohnungen untergebracht werden mussten, die nach ihrer Bauart und ihrer derzeitigen Benutzung für die Aufnahme weiterer Familien in keiner Weise geeignet waren.«

(Stadtarchiv Bedburg 65)

1950 konnte in Bedburg bereits die Wiederinstandsetzung der Schulen, die Errichtung von zehn Kleinwohnungen, sowie die Instandsetzung von Straßen und gesprengter Brücken vermeldet werden.

Probleme beim Wiederaufbau verursachten vor allem fehlende Baumaterialien, sowie zerstörte und beschädigte Transportstrecken. In vielen Städten der Region war jegliche Infrastruktur zerstört, sodass beispielsweise das Wiedereinsetzen der Müllabfuhren im Dürener Ratsprotokoll vom 4. März 1946 Erwähnung findet. Zwischen Brauweiler und Knapsack wurde hingegen eine regelmäßige Omnibusverbindung durch einen Brauweiler Bürger privat initiiert.

Baustoffbezugschein für Kirchenbau in Kierdorf (Archiv des Rhein-Erft Kreises Bergheim 101-1208)

1947 kündigte der amerikanische Außenminister George C. Marshall das „European Recovery Programm“ an, welches als „Marshallplan“ in die Geschichte einging und den Wiederaufbau Deutschlands und Westeuropas enorm beschleunigte.

Schriftstück, Auszug aus Lagebericht.

Auszug aus dem Lagebericht der Gemeinde Brauweiler vom 15. Februar 1946 (StA Pulheim I B 154, S. 7)

Quellen

Büren, Guido v./ Wallraff, Horst (Hrsg.), Zwischen „Führer“ und Freiheit. Bombenkrieg und „Befreiung“ an der Rur, Regensburg 2023

Ewing, Joseph H., 29 Let’s go! A history of the 29th Infantry Division in World War II, Nashville Tenn. 1979

Trees, Wolfgang, Schlachtfeld zwischen Maas und Rhein: das Ende des Zweiten Weltkrieges September 1944 bis März 1945, Aachen 1995

Whitaker, Denis et al., Endkampf am Rhein: der Vormarsch de Westalliierten 1944/1945. Berlin 1991

Kreisarchiv Rhein-Erftkreis, Polizeiverordnung des Landrates Disse zur Erfassung von unterbelegten Wohnungen, Frechen, 25.08.1945

Kreisarchiv Rhein-Erftkreis, Aushang der Militärregierung Deutschland, Britisches Kontrollgebiet: Bekanntmachung über die Kontrolle und Verteilung von Gebrauchsgütern innerhalb des britischen Kontrollgebiets nach dem Krieg um den Handel zu fördern, gültig ab dem 7. April 1946

StA Hürth, Niederschrift über die Tagung des Fürsorgeausschusses der Gemeinde Hürth vom 13. Dezember 1946

StA Jülich, Bestand IV, Nr. 1178, Verwaltungsbericht 1945–1955 S. 13

Claasen, Hermann, Verbrannte Erde. Eine Denkschrift der Kreise Düren und Jülich zum Thema „Hürtgenwald und Rurlandnot“, Köln 1949

Gollancz, Victor, In darkest Germany, London 1947

N.N. Notunterkünfte und Nissenhütte, in: „WirRheinländer“,Ausstellung des Rheinischen Freilichtmuseums Kommern [https://wir-rheinlaender.lvr.de/ausstellung/szenen/52_nissenhuette.htm, abgerufen am 12.05.2025]

StA Jülich, Bestand IV, Nr. 149, Kultur- und Sportveranstaltungen 1945–1947

StA Jülich, Bestand IV, Nr. 1178: Die kommunale Arbeit und der Stand der Gemeindeangelegenheiten in der Stadt Jülich von 1945–1955

StA Jülich, Bestand 12-1, Nr. 6, Protokollbuch Stadtrat 29.3.1946–29.12.1961, S. 455f.

StA Jülich, Bestand 016, Nr. 175: Peter Josef Kreutz, Jülich. Skizzen, Stimmen und Bilder wie Jülich war, wie es unterging und wie es heute ist (August 1948), 1937–1957

Kreisarchiv Rhein-Erftkreis, Akte 102-1543, Bl. 14f.

Stadt- und Kreisarchiv Düren, B-Akten, Nr. 159, Verwaltungsbericht des Einwohnermeldeamtes Düren 15.3.1945–31.3.1946

Stadt- und Kreisarchiv Düren, Landkreis Jülich, Protokoll der ersten Arbeitstagung des Jülicher Kreistages v. 22.1.1946

Froitzheim, Ursula, Der Wiederbeginn des kommunalpolitischen Lebens in Hürth 1945–48, in: Hürther Heimat 76 (1997), S. 107–114

StA Jülich, Bestand IV, Nr. 518 Wiederaufbau 1945–1962

StA Jülich, Bestand IV, Nr. 1178: Die kommunale Arbeit und der Stand der Gemeindeangelegenheiten in der Stadt Jülich von 1945–1955

Köchling, Martina, Demontagepolitik und Wiederaufbau in Nordrhein-Westfalen, in: Düsseldorfer Schriften zur Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 40 (1995)

Kussinger-Stankovic, Heike, Düren. Gesicht einer Stadt der 1950er Jahre (Beiträge zur Geschichte des Dürener Landes 27), Düren 2006

Wild, Moritz, Architekturlehre und Städtebau der Zwanziger bis Fünfziger Jahre im Regierungsbezirk Aachen. René von Schöfer (1883–1954), Aachen 2017